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Logbuch der SY Shalimardue

Oktober 2020
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Privat

Wenn aus einer 4 ½ Stunden Wandertour eine 7 Stunden Tortur wird

„Der alpin anmutende Höhenweg zum Fuße des Pico Grande darf angesichts der wechselnden Aussichten ohne Übertreibung als grandios beschrieben werden.“ So ist der Weg von Boca da Corrida nach Boca da Encumeada mit einer Wegzeit von ca. 4 ½ Stunden im Wanderbuch angekündigt.



Wir genießen wirklich jeden Augenblick und jeden Ausblick. Die Wanderung geht bergauf und bergab und jeder neue Schritt bringt neue Eindrücke. Schmal und steil sind die Wanderwege an dem sehr, sehr steilen Berghang.


Zwischendurch müssen wir auch kurze Strecken auf nassen und vor allem rutschigen Passagen hinter uns bringen. Bernd ist uns beiden eine große Hilfe und irgendwie vergesse ich meine Angst bezüglich Höhe, Schwindel und überhaupt und genieße nur mehr die Natur mehr um mich.


Der Pfad geht nach der Abzweigung, die in das Nonnental führt, (Curral das Freiras) auf den Eselspass. Er schlängelt sich auf fast gleichbleibender Höhe durch Stechginster einen schmalen Kamm entlang.


Der Abstieg von der Südwand des Pico Grande erfolgt wieder steil und vorbei an einigen für mich gefährlich anmutenden Stellen mit überhängenden Bäumen, aber immer wieder mit überwältigender Aussicht. Die Sonne strahlt vom Himmel und wir freuen uns, dass uns Michi am Ende unserer Route mit dem Leihauto von Bettina und Bernd erwartet.


Dann plötzlich, eine Hangrutschung, ein Abbruch – der unseren Weg auf mindestens 10 Meter verschwinden hat lassen. Vermutlich in den letzten Tagen, wo es im Norden bzw. mittleren Teil immer wieder schwerste Regenfälle und Stürme gegeben hat.

Bernd will die Strecke erkunden, Bettina folgt ihm auf dem Fuß und so queren plötzlich beide diesen unwirklichen Weg. Steil und rutschig und dazwischen immer wieder – fast keinen Halt. Mit jedem Schritt verändert sich der Weg hinter den beiden. Weitere Schlamm- bzw. Erdmassen rutschen ab.

Ich kann fast nicht mehr hinschauen, so gefährlich schaut die Situation aus. Auf jeden Fall weiß ich – wissen wir – dass für mich keine Möglichkeit mehr besteht, den Weg ebenfalls zu gehen.

Bernd versucht noch zurück zu kehren und mich zu holen, aber nach wenigen Schritten wissen wir, dass auch dies unmöglich ist. Es bleibt mir nur mehr übrig, nach vier Stunden Wanderung auf einem 4 ½ Stunden Wanderweg umzukehren.

Die einzigen Fotostopps entstehen nur mehr aus der Notwendigkeit, mich für Sekunden auszurasten. Es ist bereits 15 Uhr und um 18 Uhr geht die Sonne unter. Mein Blick zurück auf den einfallenden Nebel beschleunigt meine Schritte um ein weiteres.

Während ich schwitze, schnaufe und meine Füße fast ununterbrochen bewege, ist Michi im Tal bei einem Friseur, der während einer dreiviertel Stunde seinen Bart stutzt. Die folgenden Worte sind von ihm:

Auf der Suche nach einem „Barbier von Sevilla“ bin ich dem Barbier von do Lobos in die Hände gefallen. Er scheint der Friseur der gesamten Fischerflotte von Camara do Lobos zu sein. Das Sitzmobiliar schaute nach einem elektrischen Stuhl aus und auch die sonstige Einrichtung – einschließlich der Weihnachtsbeleuchtung war einzigartig.

An der Anrichte türmten sich unzählige Fernbedienungen auf, deren Zweck mir allerdings bis zum Schluss verschlossen blieb. Auch scheint in der „edlen Haarschneiderei“ schon der alte Churchill gesessen zu sein, was ein vergilbtes Bild in dem Etablissement zeigte. Jedenfalls klopfte mir der langhaarige Meister des Öfteren sehr heftig auf die Schulter – was an unseren massiven Verständigungsproblemen lag. Nach einer knappen Stunde war ich dann schon rasiert. Dieses Friseurgeschäft werde ich mein Lebtag nicht vergessen – es lässt sich mit einfachen Worten kaum beschreiben!

In dieser Bar hätte er warten sollen, aber wie gut, dass er mit Einheimischen plaudert und so erfährt, dass das Ende unserer Tour nicht beim Lokal endet, sondern mindesten 700 Meter tiefer, was bedeutet, dass Bettina und Bernd diesen Weg auch noch zurücklegen hätten müssen. Da die Straße noch weitere Hindernisse aufweist, dauert der Rückweg für die beiden nicht die eine halbe Stunde, sondern sage und schreibe 1 1/4 Stunden.

Was soll ich sagen, nach genau DREI Stunden Rückweg (die letzte Viertelstunde schon wieder in Begleitung von Bernd, der mir entgegen kommt), bin ich nur mehr froh, diese Tortur beendet zu haben und kann nach einem Schluck Bier schon den Poncha im Tal wieder genießen.

Morgen werde ich die Stelle im Magistrat von Funchal finden, an die ich mich wenden muss, um zu erreichen, dass dieser Weg gesperrt wird. Damit nicht weitere Wanderer das mitmachen müssen.